Beide Grußwörter entsprechen dem deutschen Hallo, doch warum existieren zwei scheinbar gleichbedeutende Wörter für ein und dasselbe Phänomen? Die für viele Iraner:innen auf den ersten Blick einfache Frage „Salam oder Dorud?“ ist längst mehr als eine bloße stilistische Entscheidung. In der gegenwärtigen iranischen Sprachpraxis steht sie für gesellschaftliche Spannungen, politische Positionierungen und bewusste Identitätsarbeit. Dass Dorud zunehmend als bessere, „purere“ Alternative – ja sogar als Rivale – des traditionell-islamischen, arabischen und damit fremden Salam verwendet wird, ist kein Zufall, sondern Ausdruck tieferliegender sprachlicher, kultureller und ideologischer Aushandlungsprozesse im heutigen Iran.
Sprachideologie und linguistischer Widerstand „von unten“
Ein zentraler Grund für die wachsende Verwendung von Dorud liegt in einer sprachideologischen Haltung vieler Iranerinnen und Iraner. Aus einem vermeintlich islam-kritischen, häufig nationalistisch geprägten Weltbild heraus wird Salam als Symbol einer religiös dominierten Ordnung wahrgenommen, die seit der Revolution von 1979 staatlich propagiert und normativ aufgeladen wurde – zuletzt in den vergangenen Jahren immer wieder sichtbar in der repressiven Durchsetzung islamischer Kleidervorschriften im öffentlichen Raum durch die Einheiten der iranischen Sittenpolizei, die sogenannten „Belehrungsstreifen“. Dorud fungiert in diesem Kontext als linguistischer Widerstand „von unten“: Die bewusste Wahl eines als persisch empfundenen Grußes wird zur politischen und kulturellen Abgrenzung vom islamisch tradierten Menschen- und Gesellschaftsbild. Sprache wird damit zu einem stillen, aber wirkungsvollen Mittel der Distanzierung und Selbstpositionierung.
Der archaisch-neuartige Unterton von Dorud
Ein weiterer Grund liegt im sprachlichen und symbolischen Unterton von Dorud. Im Gegensatz zum allgegenwärtigen, ritualisierten Salam wirkt Dorud älter und zugleich ungewohnter. Gerade diese Nicht-Selbstverständlichkeit verleiht dem Wort eine besondere Signalwirkung. Der als archaisch, mitunter literarisch wahrgenommene Klang schafft Distanz zur gewohnten Alltagsroutine und erzeugt zugleich ein Gefühl sprachlicher Eigenständigkeit, kultureller Rückbesinnung und bewusster Modernisierung.
Semantische Unterschiede
Dabei darf nicht übersehen werden, dass Dorud und Salam streng genommen nicht semantisch gleichwertig und gegeneinander austauschbar sind. Während Salam immer primär als Grußformel fungiert (hat), im Kern „Frieden“ mit Blick auf den religiösen Kontext bedeutet und vor allem eine phatische, kontaktstiftende Funktion erfüllt, trägt Dorud den Charakter einer höflichen Würdigung oder eines lobenden Grußes in sich, fast wie ein respektvolles Kompliment gegenüber der angesprochenen oder genannten Person. Gerade diese Bedeutungsdifferenz erklärt, warum Dorud nicht nur als Ersatz für Salam, sondern auch als bewusst andersartiger, ideologisch aufgeladener Gruß wahrgenommen wird. Ob diese neue Tendenz im Sprachgebrauch der Iraner:innen von langer Dauer sein wird, lässt sich nur im Kontext kulturpolitischer und gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen beobachten und beantworten. Fest steht jedoch, dass letztlich die Menschen selbst bestimmen, wie sie sich grüßen – wenn auch unter unbestreitbarem Einfluss von Politik und (sozialen) Medien. Sprache ist schließlich nichts anderes als eine innergesellschaftliche Konvention.