Oder: Grußformen im Persischen zwischen Sprache, Geschichte und Identität
Grußformeln sind mehr als bloße Höflichkeitsroutinen. Sie strukturieren soziale Nähe und Distanz, markieren Zugehörigkeit und verraten oft mehr über gesellschaftliche Ordnungen, politische Spannungen und historische Brüche als lange Erklärungen. Im persischsprachigen Raum zeigt sich dies besonders deutlich an scheinbar einfachen Grußwörtern wie Salam, Dorud oder Salom. Ein vergleichender Blick auf den Sprachgebrauch im Iran, in Afghanistan und in Tadschikistan macht sichtbar, wie eng Sprache, Ideologie und Identität miteinander verflochten sind.
Im Iran ist Salam die mit Abstand häufigste Grußform. Das Wort ist arabischen Ursprungs und durch jahrhundertelange islamische Praxis tief im Alltagsgebrauch verankert. Es wird in nahezu allen sozialen Kontexten verwendet – von informellen Begegnungen bis hin zu institutionellen Situationen in Schule, Verwaltung oder Medien. Gleichzeitig ist Salam nicht neutral. Für viele Sprecherinnen und Sprecher trägt es eine religiöse und zunehmend auch politische Konnotation, da es eng mit der offiziellen Symbolsprache des Staates der „Islamischen Republik“ verbunden ist. Vor diesem Hintergrund hat sich Dorud bei einigen als alternative Grußform etabliert. Dorud ist persischen Ursprungs, wirkt säkular, national und sprachlich „rein“ und wird vor allem in gebildeten, oppositionellen oder diasporischen Kontexten verwendet. Es fungiert weniger als funktionales Äquivalent zu Salam denn als bewusstes Zeichen sprachlicher und ideologischer Distanzierung. Die Frage „Salam oder Dorud?“ ist im Iran daher selten eine bloße Stilfrage, sondern häufig Ausdruck einer gesellschaftlichen Positionierung.
Neben diesen Kurzformen existiert im Iran – wie im gesamten persischsprachigen Raum – die iranisierte Form Salām Alejkom der arabischen Lang- oder Originalform As-salāmu ʿalaikum, in der Alltagsschreibung oft auch als Salāmon Alejkom wiedergegeben. Diese Form gilt grundsätzlich als gehoben, traditionell und formell. Im iranischen Kontext wird sie jedoch eindeutig religiös und politisch gelesen. Für einige Menschen steht sie symbolisch auch für staatlich legitimierte Religiosität und wird daher von dieser Gruppe – ähnlich wie Salam – bewusst vermieden. Gerade diese ideologische Aufladung erklärt, warum im Iran ein alternatives Grußrepertoire entstehen konnte, das über rein sprachliche Variation hinausgeht.
In Afghanistan stellt sich die Situation deutlich anders dar. Auch hier ist Salam bzw. Salom – häufig in der erweiterten Form As-salāmu ʿalaikum – der dominante Gruß. Er ist tief religiös verankert, sozial normativ und in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen selbstverständlich. Anders als im Iran gibt es jedoch keinen nennenswerten Widerstand gegen diese Formen und keine vergleichbare sprachideologische Polarisierung. Die Langform ist zwar religiös konnotiert, wird aber nicht politisiert oder als Problem wahrgenommen wie im Iran. Alternative Grußformen wie Dorud spielen im afghanischen Alltag praktisch keine Rolle, nur vielleicht unter den Afghanen, die im Iran leben und arbeiten oder anders unter dem Einfluss des iranischen Persisch stehen. Salam bzw. Salom fungiert hier weniger als Marker individueller Identität, sondern als soziale Selbstverständlichkeit, die Gemeinschaft und Respekt signalisiert.
In Tadschikistan begegnen wir mit Salom einer lautlichen Variante von Salam, die jedoch in einem völlig anderen ideologischen Rahmen steht. Jahrzehntelange sowjetische Sprach- und Kulturpolitik haben zu einer weitgehenden Säkularisierung des öffentlichen Sprachgebrauchs geführt. Zwar ist Salom historisch ebenfalls arabischen Ursprungs, doch wird es heute meist als neutrale, alltägliche Höflichkeitsform wahrgenommen. Selbst die arabische Langform As-salāmu ʿalaikum gilt in Tadschikistan in vielen Kontexten als säkularisiert. Sie wird eher als kulturelle Tradition denn als religiöses Bekenntnis verstanden. Paradoxerweise ist damit gerade im staatspolitisch nationalistisch geprägten Tadschikistan eine Grußform religiös entleert, die im revolutionär-religiös geprägten Iran eindeutig politisch-religiös aufgeladen ist. Diese Differenz macht deutlich, wie stark historische Erfahrungen die Bedeutungszuschreibungen von Sprache prägen.
Neben diesen zentralen Grußformen existieren weitere, verbreitete Höflichkeits- und Kontaktformeln. Dazu gehören Ruz Bekhejr oder Ruz Khosh oder Ruz Naghz im Sinne von „Guten Tag“. Diese persischen Ausdrücke wirken persönlicher oder höflicher bzw. formeller und weniger ritualisiert als Salam bzw. Salom und tragen keine starke ideologische Ladung. Im iranischen Sprachraum ist außerdem Khaste Nabāshid – wörtlich „Mögen Sie nicht müde sein.“. Diese Formel wird häufig beim Betreten eines Geschäfts, nach der Arbeit oder gegenüber Personen verwendet, die eine Tätigkeit ausüben. Sie drückt Anerkennung von Anstrengung und soziale Nähe aus.
Ein vergleichender Blick zeigt somit: Nicht nur welche Grußform verwendet wird, sondern auch welche vermieden oder problematisiert wird, ist gesellschaftlich hoch aussagekräftig. Im kulturpolitisch gespalteten Iran wird gegrüßt mit Haltung und bewusster sprachlicher Positionierung. Im gesamgesellschaftlich eher traditionellen Afghanistan wird gegrüßt mit Selbstverständlichkeit, ohne ideologische Auseinandersetzung. Im nationalistischen Tadschikistan schließlich wird mit Salom nur scheinbar religiös gegrüßt, trotz historischer Distanz zur Religion als Erbe der sowjetischen Herrschaft. Grußformeln sind im persischsprachigen Raum daher weit mehr als kommunikative Routinen – sie sind verdichtete Ausdrucksformen kollektiver Geschichte, politischer Erfahrung und kultureller Identität.
Zum Abschluss sei auf eine einschlägige akademische Adresse hingewiesen: Am Center for Languages of the Central Asian Region (CELCAR) werden frei zugängliche Flyer zu den geläufigsten Alltagsausdrücken in den drei großen Varietäten des Persischen – Farsi (Iran), Dari (Afghanistan) und Tadschikisch (Tadschikistan) – bereitgestellt. Die Materialien eignen sich für Unterricht, Forschung und allgemein Interessierte und dokumentieren Gruß- und Höflichkeitsformeln in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext.
Die Flyer sind abrufbar unter:
https://celcar.indiana.edu/materials/language-pamphlets.html