Oder Dickens Rezeption im Iran
Kaum eine Erzählung ist so eng mit Weihnachten verbunden wie „A Christmas Carol“ — Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Weniger bekannt ist, dass diese wohl berühmteste Weihnachtsgeschichte auch im Iran früh rezipiert und kreativ weiterverarbeitet wurde – sowohl literarisch als auch filmisch.
1) Literarische Adaption als Übersetzung
Zu den frühesten persischen Übertragungen zählt eine Ausgabe aus dem Jahr 1334 nach iranischer Zeitrechnung (≈ 1955/56). Nach Angaben der iranischen Nationalbibliothek handelt es sich um eine Übersetzung eines unbekannten Übersetzers namens Hossein Sepehri Nik, gedruckt von der Iranischen Handelsbank in Teheran. Diese frühe Fassung steht exemplarisch für eine Rezeption, die Dickens’ Erzählung vor allem als moralisch-soziale Parabel las – über Geiz, Verantwortung und Mitmenschlichkeit, die mit traditionellen iranischen Wertvorstellungen kompatibel sind und an diese anschließen. Dies gewinnt zusätzliches Gewicht vor dem Hintergrund, dass im Iran nur zwei Jahre zuvor, im Jahr 1332, ein US-britischer Putsch eine national-demokratische, von Sozialisten unterstützte Regierung gestürzt hatte, sodass die Veröffentlichung eines sozialkritischen Textes auch als Versuch gelesen werden kann, im Zeichen des gescheiterten Demokratisierungsprojekts eine sozial integrierende, vereinende Erzählung für den weiteren gesellschaftlichen Kampf bereitzustellen.
In den letzten Jahren sind zahlreiche neue persische Übersetzungen erschienen. Unter den vielen Übersetzer:innen ragt jedoch ein Name besonders hervor: Ebrahim Younesi (1926-2012). Er prägte die persische Dickens-Rezeption nachhaltig durch seine Übersetzungen von Great Expectations und A Tale of Two Cities.
2) Filmische Adaption
Eine außergewöhnliche iranische Umarbeitung ist der iranische Film „Nachtgesellschaft in der Hölle“ („شبنشینی در جهنم“). Der Film überträgt Dickens’ Motivik in einen iranisch-islamischen Kontext und gilt als einer der ersten international gezeigten iranischen Spielfilme; er wurde 1958 erstmals in Berlin präsentiert. Die Geschichte wird kulturell neu kodiert und die Idee der Hölle ersetzt die Rahmenhandlung mit den drei Geistern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne ihren moralischen Kern – Läuterung, Verantwortung und Mitgefühl – zu verlieren. Das Drehbuch bzw. die Dialoge stammen von Mehdi Misaqieh und Hossein Madani.
Hinweis: Der Film ist heute vollständig online verfügbar. Wer die rund eineinhalb Stunden lange iranische Adaption der Dickens-Geschichte sehen möchte, kann den Film hier auf YouTube ansehen: