Weihnachten in islamischen Sprachen

Wie heißt Weihnachten im islamisch geprägten Nahen Osten?

Arabisch, Türkisch und Persisch im Vergleich

Die Benennung von Weihnachten in den wichtigsten islamisch geprägten Sprachen des Nahen Ostens offenbart ein komplexes Zusammenspiel von Religion, Bildungsgeschichte, politischer Einflussnahme und globalem Sprachkontakt. Schon an der Wortwahl lässt sich ablesen, wie tief historische Machtverhältnisse und kulturelle Transfers in den Alltagssprachen verankert sind.

Im Arabischen heißt Weihnachten عيد الميلاد (ʿīd al-mīlād), wörtlich „Fest der Geburt“. Gemeint ist implizit die Geburt Jesu, der im Islam als Prophet (ʿĪsā) anerkannt ist. Der Ausdruck ist traditionsreich, semantisch transparent und fest im religiösen Wortschatz verankert. Das Substantiv Milād („Geburt“) ist dabei nicht nur Teil religiöser Festbezeichnungen, sondern wird im persischen Sprachraum auch als männlicher Vorname (Milād) verwendet – ausdrücklich in der Bedeutung von „Geburt“ und mit direktem Bezug auf die Geburt Jesu. Dies unterstreicht, wie tief der Begriff religiös und kulturell verankert ist. Weihnachten erscheint im Arabischen (und Persischen) somit nicht als fremdes Fest, sondern als integraler Bestandteil einer eigenen religiösen Begriffswelt.

Im Türkischen lautet die gängige Bezeichnung Noel oder Noel Bayramı. Dieses Wort stammt nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Französischen (Noël). Seine Verwendung verweist auf die starke kulturelle Orientierung des Osmanischen Reiches und der frühen Republik Türkei an Frankreich. Französisch fungierte hier als Sprache der Moderne, der Diplomatie und der Bildung – nicht als koloniale Zwangssprache, sondern als kulturelles Leitmodell. Ein interessanter Parallelbefund findet sich im Persischen: Der Weihnachtsmann heißt dort بابا نوئل (Bābā Noel). Diese Benennung lässt erkennen, dass sich der Iran im 19./20. Jahrhundert als frankophon geprägt verstand. Viele gebildete Iraner lernten Französisch als erste europäische Sprache, um in Frankreich zu studieren; Französisch galt nicht nur als Sprache der Kultur, sondern auch von Wissenschaft, Bildung und Fortschritt. Dabei ist entscheidend: Französisch war ähnlich der Türkei auch im Iran keine koloniale Sprache, denn Iran stand politisch nie unter französischer Herrschaft oder politischem Einfluss Frankreichs. Vielmehr war der Iran im 19. und 20. Jahrhundert unter russischem und britischem Einfluss und im 20. Jahrhundert zunehmend unter dem Einfluss der USA – letzteres bis zur Revolution von 1979. Diese Machtkonstellationen erklären, warum sich im Alltag später englische Lehnwörter stärker durchsetzten, während französische Spuren eher punktuell erhalten blieben, etwa im kulturellen Figureninventar wie Baba Noel.

Im persischen Sprachraum insgesamt zeigt sich daher eine klare funktionale Trennung:

In der Umgangs- und Volkssprache in Iran und Afghanistan ist heute nahezu ausschließlich das englische Lehnwort کریسمس (Christmas) gebräuchlich – ganz ähnlich wie in vielen anderen Sprachen Asiens. Dies ist sowohl das Ergebnis direkter Kolonialherrschaft als auch Ausdruck des globalen Prestiges des Englischen im 20. Jahrhundert: durch Medien, Popkultur, Mission, internationale Bildung und wirtschaftliche Vernetzung.

Daneben existiert jedoch ein autochthon-islamisch geprägter Ausdruck wie im Arabischen, der im offiziellen Sprachgebrauch und in der Schriftsprache verwendet wird:

•Persisch (Farsi & Dari):

عید میلاد مسیح – „Fest der Geburt Christi“

•Tadschikisch:

Мавлуди Исо – ebenfalls „Geburt Jesu“

Dass Tadschikisch konsequent diese einheimische Bezeichnung verwendet, hängt einerseits eng mit der sowjetischen Sprachpolitik zusammen, die religiöse Terminologie standardisierte und Fremdwortimporte – insbesondere aus dem Englischen – lange begrenzte, aber auch mit der zunehmend nationalistisch-protektionistischen Sprachpolitik der Republik Tadschikistans seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991.

Fazit

Abschließend zeigt sich, dass die Benennung von Weihnachten im arabischen, türkischen und persischen Sprachraum weit über eine rein religiöse Frage hinausgeht. In der Geschichte und Gegenwart des Nahen Ostens muss die Rolle des Kolonialismus und Imperialismus stets im Hintergrund mitgedacht werden: Englisch, Französisch und Russisch sind hier allochtone Sprachen, getragen von Großmächten, die mit Sprache und Kultur gezielt politische Einflussnahme, Machtausübung und in vielen Fällen auch Ausbeutung betrieben haben – und teilweise bis heute betreiben. Bezeichnungen wie Christmas, Noel oder russisch geprägte Termini sind daher keine bloßen Lehnwörter. Sie fungieren als stille Marker historischer Machtverhältnisse. Sprache wird so zum kulturellen Gedächtnis: Sie bewahrt Spuren von Fremdherrschaft, Bildungshegemonie und geopolitischer Einflussnahme – oft dort, wo sie im Alltag kaum noch bewusst wahrgenommen werden.