Oder zur aktuellen Sprachpolitik in Afghanistan ohne (wirksame) Verfassung mit Blick auf das Taliban-Gesetz von 2024
Im Jahr 2024 hat das Gesetz zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters (قانون امر به المعروف و نهی عن المنکر) unter der Herrschaft des Islamischen Emirats Afghanistan besondere Bedeutung erlangt. Es handelt sich um das bislang umfassendste offiziell bekanntgemachte Gesetz seit der erneuten Machtübernahme der Taliban. In Ermangelung einer verabschiedeten Verfassung wirkt dieses Gesetz faktisch als eine Art normativer Ordnungsrahmen, der zentrale Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens regelt.
Auch sprachpolitisch ist das Gesetz von erheblicher Relevanz. Es greift in den öffentlichen Sprachgebrauch ein, indem es insbesondere Frauen den hörbaren Einsatz ihrer Stimme im öffentlichen Raum untersagt. Zudem unterwirft es Medien, Bildung und kulturelle Kommunikation strikten inhaltlichen und sprachlichen Vorgaben. Sprache erscheint darin nicht als kulturelles Recht, sondern als Instrument moralischer Kontrolle.
Ein zentraler, oft übersehener Befund bleibt dabei: Afghanistan ist mindestens mit Blick auf seine Gesetzestexte de facto zweisprachig. Sämtliche staatlichen Gesetze des modernen Afghanistan liegen traditionell in Dari (Persisch) und Paschtu vor – auch dort, wo politische Machtverhältnisse einseitig erscheinen.
Historische und aktuelle Gesetzestexte des modernen Afghanistan können hier auf der Website des afghanischen Justizministeriums in Dari- und Paschtu-Versionen eingesehen werden.